Die Gretchenfrage des modernen Weinbaus

//  03.08.2016

Die Gretchenfrage des modernen Weinbaus

Das extrem feuchte Jahr 2016 mit den ständigen Niederschlägen und teilweisen Totalausfällen trotz sachgerechtem Pflanzenschutz haben die Praxis des Ökoweinbaus wieder in den Focus vieler Verbraucher gerückt. Die Ökobewegung beschäftigt natürlich auch uns Winzer. Sowohl privat als auch beruflich finden wir die Grundsätze spannend. Die meisten Regeln des ökologischen Weinbaus sind uneingeschränkt sinnvoll. An anderer Stelle sind sie jedoch auch purer Dogmatismus und entbehren guter fachlicher Praxis.

Der Bereich Pflanzenschutz ist beispielsweise ein ewiger Zankapfel zwischen Ökos und Nicht-Ökos. Erstere werfen ihren konventionellen Kollegen oft öffentlich vor, „Chemie“ einzusetzen gegen die im Weinbau ubiquitären Schaderreger. Letztere wiederum haben ein Problem damit, dass ökologisch arbeitende Betriebe die von ihnen eingesetzten Mittel verharmlosen, oder gar auf die naive Weltanschauung ihrer Kunden setzen, Öko-Trauben seien gar nicht gespritzt.

Fakt ist, dass alle klassischen europäischen Reben mehrmals im Jahr gespritzt werden müssen, will man im Herbst Trauben ernten. Der Unterschied liegt also darin, was, wann und wieviel gespritzt wird.

Im konventionellen Weinbau ist die Herangehensweise wissenschaftlich geprägt. Prognosemodelle, die Wetterdaten auswerten, errechnen mögliche Befallsereignisse, gegen die der Winzer dann spritzt. Vor der Rebblüte ist der Feind vor allem der falsche Mehltau, der Blätter und Infloreszenzen befällt und zu Totalausfällen führen kann. Nach der Blüte tritt wegen der höheren Temperaturen auch der echte Mehltau vermehrt auf, der die Beeren zum Bersten bringt und den daraus gewonnenen Wein pilzig schmecken lässt. Die Rebblüte ist überhaupt die heikelste Phase im Vegetationszyklus, da die jungen Trauben hierbei besonders anfällig sind. Deswegen werden kurz nach der Blüte besonders wirksame Mittel eingesetzt. Diese Strategie erlaubt dem Winzer zwischen den Spritzungen einen Abstand von 10-14 Tage, in der Saison muss er also 6-8 Mal zum Pflanzenschutz in den Weinberg. Dadurch lassen sich die Pflanzenschutztermine halbwegs planen bzw. hat man mehr Handlungsspielraum, um den Boden zu schonen.

Im ökologischen Weinbau sind die allermeisten Fungizide des konventionellen Weinbaus nicht zugelassen. Es wird zwar oft über sogenannte Präparate und Tees geredet, deren messbare Schutzwirkung durch die Stärkung der Kulturpflanze ist aber umstritten. Erlaubt und eingesetzt werden vor allem anorganische Fungizide, allen voran Kupfer, Schwefel und Backpulver. Bis vor einigen Jahren war zudem noch Kaliumphosphonat als Pflanzenstärkungsmittel erlaubt. Dieses wurde offenbar aus politischen Gründen von der Liste der zugelassenen Mittel gestrichen und steht den Ökos nicht mehr zu Verfügung. Grundsätzlich klingt das alles ganz harmlos, Kupfer, wie an der Dachrinne, Schwefel kommt ja sogar in den Wein und Backpulver in den Kuchen. Ganz so trivial verhält es sich jedoch nicht. Die im Ökoanbau zugelassenen Mittel haben eine weitaus geringere Wirkungsdauer und werden bei Niederschlagsereignissen stark abgewaschen. Deshalb müssen die Beläge immer wieder erneuert werden. In diesem, zugegeben extremen Jahr wurden Ökoflächen im Abstand von 4-6 Tagen gespritzt, um der Peronospora Herr zu werden. Problematisch sind hierbei jedoch die vielen Überfahrten über den nassen Boden, der sich dadurch verdichtet. Die für das Wurzelwachstum und die Wasserspeicherfähigkeit wichtigen Poren werden zusammengedrückt und das auftreffende Regenwasser kann nicht mehr in den Boden eindringen. Es fließt oberflächlich ab und nimmt dabei Boden von der Oberfläche mit. Je steiler der Weinberg, desto heftiger sind Erosion und Verdichtungen.

Die allermeisten unserer Weinberge gelten als Steillage. Dort können wir zwar noch mit dem Traktor fahren, jedoch ist dies von der Bodenfeuchte abhängig. Wir müssen uns also entscheiden, ob wir unseren Boden durch die zahlreichen Überfahrten malträtieren, oder doch auf die organischen Fungizide zurückgreifen. Das kleinste Übel ist bei dieser Entscheidung wie so oft der Kompromiss. In der Zeit vor der Blüte setzen wir hauptsächlich auf Netzschwefel und Kaliumphosphonat. Einen eventuellen kleinen Befall in dieser Phase können wir verschmerzen. Ebenso verfahren wir bei den letzten Behandlungen, wo wir statt Schwefel Backpulver einsetzen, das eine gute Wirkung gegen den echten Mehltau hat, wenn die Trauben ohnehin nicht mehr so anfällig sind. Unmittelbar nach der Blüte setzen wir jedoch weiterhin auf potente organische Fungizide, da wir uns den Behandlungstermin in den Steillagen unter der Prämisse der Bodenschonung nicht so frei aussuchen können, wie unsere Kollegen in den flacheren Regionen.

Dieser Weg ist für uns der richtige. Ich möchte keinem Kollegen einen Vorwurf machen, wenn er anders handelt. Überhaupt sind dieser Diskussion der Respekt und die Objektivität leider etwas abhandengekommen. Winzer, die gerne möglichst viel giftige Mittel spritzen gibt es nicht mehr. Und wenn, waren vor allem sie selbst die Leidtragenden ihres Handelns. Wir alle kämpfen an derselben Front, lasst uns doch nicht ständig über die richtige Taktik streiten!

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